Helden in rot-weiß

Seit vielen Jahren ist das Erste-Hilfe-Zelt des Bayerischen Roten Kreuz die erste Anlaufstelle für Kranke und Verletzte auf der Gunzenhäuser Kirchweih. Egal ob Schnittwunden, aufgeschlagene Knie oder Blasen am Fuß – die über 20 Ehrenamtliche tun alles dafür, dass der Kirchweihbesuch so schnell wie möglich weitergehen kann.

Seit vier Jahren kümmert sich Paul Pfeifer ehrenamtlich um Kranke und Verletzte während der Kirchweih in Gunzen­hausen. Oft reicht schon ein Pflaster oder einmal Blutdruck messen, und schon steht dem weiteren Kirchweihbesuch nichts mehr im Weg

Seit vier Jahren kümmert sich Paul Pfeifer ehrenamtlich um Kranke und Verletzte während der Kirchweih in Gunzen­hausen. Oft reicht schon ein Pflaster oder einmal Blutdruck messen, und schon steht dem weiteren Kirchweihbesuch nichts mehr im Weg

Samstagabend, kurz vor 21 Uhr auf der Kirchweih. Für eine kurze Pause zieht sich Paul Pfeifer, der Bereitschaftsleiter des Bayerischen Roten Kreuz Ortsverbandes Gunzenhausen, in den Wohnwagen zurück. Nach über 30 Stunden im Dauereinsatz nimmt er das laute Wummern der Musik, das durch jede Ritze ins Innere des Wohnwagens gekrochen kommt, nicht mehr wahr. „Heute ist es ziemlich ruhig – fast schon zu ruhig“, stellt er fest. Sein Kollege Simon Geuder, der gerade mit Kaffeekochen beschäftigt ist, nickt: „Stimmt, letztes Jahr um die Zeit gab es um einiges mehr zu tun.“ Vor Pfeifer liegt der Einsatzplan der 22 Mitglieder der Bereitschaft und acht Mitgliedern des Jugendrotkreuz, welche die 10 Kirchweihtage absichern.  Bei jedem Kommen und Gehen macht er einen Haken hinter dem Namen, um genau zu wissen, wo sich welcher Sanitäter aufhält.

Gerade als Geuder erneut Wasser in die Kaffeemaschine kippen will, wird es hektisch. Ein Jugendlicher steht vor dem Zelt, schwankt leicht vor Adrenalin und Alkohol. „Könnt ihr mal kommen, mein Kumpel hat was auf die Klappe gekriegt“, schreit er. Eine Spur von Panik liegt in seiner Stimme. Schnell springt Pfeifer von der Eckbank auf und tritt vor den Wohnwagen, doch zwei seiner Kollegen haben sich bereits ihre Jacken und Rucksäcke geschnappt und folgen dem Jugendlichen ins dichte Gedränge. Kurze Zeit später kommen sie mit dem Verletzten zurück. Er ist noch viel zu aufgeregt, um das Blut zu bemerken, das von seiner aufgeplatzten Lippe auf den grauen Wollpullover tropft. Der Duft von schalem Bier und Zigarettenrauch umgibt ihn, als er den schmalen Korridor entlang auf das Zelt zugeht.

Vorsichtig nimmt ihn einer der Ehrenamtlichen am Arm und führt ihn ins Zelt, um sich die Verletzung genauer untersuchen zu können. Der andere Kollege verständigt umgehend die Polizei. „Bei Schlägereien in der Öffentlichkeit müssen wir immer unsere Kollegen von der Polizei anrufen, da es sich um ein Gewaltdelikt im öffentlichen Raum handelt. Die entscheiden dann je nach Situation, ob sie dies mit einer Verwarnung, einem Platzverweis oder sogar einem Strafverfahren ahnden“, weiß Pfeifer. Sein Stellvertreter Günter Albrecht ergänzt: „Am schlimmsten ist für uns eigentlich aber der Tag der Betriebe – im Zelt fließt das Bier in Strömen, die Leute kommen so richtig in Feierlaune und bei einem kleinen Rempler explodiert meist die Stimmung.“

In den vergangenen Jahren gab es einen drastischen Anstieg hinsichtlich der Patienten, die der Ortsverband  auf der Kirchweih zu betreuen hatte. 2014 gab es insgesamt 60 Patienten – die zu einem Großteil an den beiden Wochenenden versorgt werden. „Wir hatten natürlich keine 60 Schwerverletzte, sondern wir werden zu einem Großteil wegen kleineren Verletzungen aufgesucht – sei es um Blutdruck zu messen, Wespenstiche zu kühlen oder kleinere Verbände anzulegen“, erklärt Pfeifer. 2013 waren es im Vergleich 50 Patienten und in den Vorjahren deutlich weniger – 2010 gab es nur 28 Patienten. Zum einen ist der Anstieg durch die bessere Dokumentation der Versorgungen zu erklären, aber zum anderen aber auch dadurch, dass das Erste-Hilfe-Zelt auf dem Kirchweihplatz besser sichtbar ist.  „Wir konnten aber auch ein Umdenken gerade in der jüngeren Generation beobachten:  Im vergangenen Jahr hatten wir deutlich mehr Alkoholisierte zu versorgen als in den Vorjahren, denn immer häufiger werden die Betrunkenen nicht mehr von ihren Freunden nach Hause gefahren, sondern man holt uns Sanitäter, damit wir uns darum kümmern“, weiß der Bereitschaftsleiter. Dennoch sei die Entwicklung nicht als dramatisch anzusehen, da im Vergleich mit Kirchweihen in ähnlicher Größe die Patientenzahlen noch im Rahmen liegen.

Gerade bei Betrunkenen ist es für die Sanitäter oft eine Gratwanderung. „Bei Betrunkenen ist es wirklich schwierig – wenn derjenige sofort einschläft, dann lassen wir ihn gleich ins Krankenhaus bringen, doch wenn er nicht lallt und auch noch halbwegs gerade laufen kann, versuchen wir seine Freunde dazu zu bringen, dass sie ihn heimbringen.

Wenn wir ihn nämlich nicht ins Krankenhaus bringen, er alleine nachhause läuft und er schläft im Graben ein und stirbt an Unterkühlung, haben wir die Verantwortung dafür“, weiß Pfeifer. Doch seien Patienten, die so betrunken sind, die Ausnahme. „Das häufigste sind wirklich blaue Augen oder eben Schürfwunden von Schlägereien oder Schnittwunden – wir hatten auch schon Bedienungen da, die sich in die Hand geschnitten haben, oder Herren von der Security, die sich eine Blase gelaufen haben“, erinnert sich Pfeifer.

Insgesamt wird das Erste-Hilfe Zelt neun Tage lang für Kranke und Verletzte geöffnet sein. Pfeifer und drei Kollegen haben sich extra frei genommen, um rund um die Uhr vor Ort sein zu können. Der Dauereinsatz der Sanitäter während der Kirchweih hat aus Pfeifers Sicht viele Vorteile: „In vielen Städten wie Weißenburg gibt es keinen Kirchweihsanitätsdienst und deswegen fährt der Rettungsdienst mehr Einsätze, um die Verletzten zu versorgen. Durch den Wegfall des Abtransportes mit dem Rettungswagen sparen die Krankenkassen nicht nur Geld, sondern Patienten außerhalb der Kirchweih können schneller versorgt werden.“ So profitieren alle davon.

Unter der Woche und am Wochenende bis 21 Uhr gleicht der Platz eher einem Zeltlager. Viele der Ehrenamtlichen nehmen sich frei oder kommen direkt nach der Arbeit. Man sitzt zusammen, grillt zusammen, spielt Karten bis spät in die Nacht oder nutzt die freie Zeit für die Ausbildung des Nachwuchses. Wie in einer großen Familie helfen dabei alle zusammen: Der eine besorgt das Essen, der andere ist für das Kaffeekochen zuständig. Doch vor einer Aufgabe drücken sich alle: Dem Abspülen. „Ich bin mir trotzdem sicher, dass, wenn ich jetzt raus schaue, sicher noch keiner abgespült hat“, erklärt Pfeifer und lacht. Auch wenn nach drei Wochen Vorbereitung, 14 Einsätzen, 22 Stunden im Dauereinsatz und 7 Litern Kaffee das erste Kirchweihwochenende endlich überstanden ist, freut er sich schon auf das nächste Jahr.

Info: Es gibt viele verschiedene Wege die Gunzenhäuser Bereitschaft zu unterstützen: Zum einen sucht das BRK immer nach aktiven Mitgliedern, die ehrenamtlich Sanitätsdienste leisten oder während der Blutspende bei Registrierung, Geschenkvergabe oder in der Küche helfen. Zudem besteht die Möglichkeit, die Ehrenamtlichen auch in Form einer Fördermitgliedschaft zu unterstützen – das gespendete Geld kommt dann auch anderen Organen des Roten Kreuz wie Altersheimen, der Wasserwacht oder dem Hausnotruf zu Gute.

Text / Foto: Christina Holzinger